Happy Moments – tierische Post aus dem Parzival-Zentrum

„Das höchste Glück auf Erden, liegt auf dem Rücken der Pferde“ – Pferdegestützte Stunden mit Flüchtlingsjungs.

Für die Arbeit mit verletzten, erschütterten Seelen, bedarf es einem ganz feinfühligem Gegenüber. Es gibt Tiere, in unserem Fall Pferde, die mehr und die anderen die weniger sensibel spiegeln. Aber nicht allein das Tier dass man wählt spielt eine entscheidende Rolle, auch der sogenannte sichere Ort ist in solch einem Fall sehr wichtig, damit sich diese Jungs gut, geschützt und frei fühlen können. Für mein Projekt mit den Flüchtlingsjungs aus der Eigenen Jugendhilfe habe ich auf ein sensibles Pferd gesetzt. Ein Pferd, dass ohne Gewalt Einfluss , von sich aus mitarbeitet. Was ist hier ohne Gewalt? Ohne Peitsche und Sporen, ohne dass das Pferd zusammengeschnürt und am Trensenzaum mit Gebiss herumgezerrt wird. Ich nehme ein Lebewesen, dass auf geringe Körperreaktionen wie Knie ein beugen, Ausfallschritt, ausatmen, Schultern abwenden und sanfte Stimme reagiert. Es hat gelernt mit seinem Menschen mitzuarbeiten und das gerne.

Diesen Umgang dürfen die Jungen Menschen kennenlernen, die meist etwas ganz anderes gesehen und erlebt haben in ihrer Heimat oder auf der Flucht. Vertrauen können sie finden, indem sie es erleben. Es findet ein liebevoller respektvoller Umgang statt, dadurch fühlen auch sie sich angenommen und schenken uns und dem Pferd ihr Vertrauen.

In den ersten Schritten erlernen sie selbst den respektvollen und höflichen Umgang mit dem Lebewesen Pferd. Sie erlernen ihrer Führposition und wie sie das Pferd Luna ohne Gewalt anhalten können, nur durch ihren Körper, und durch wenig Aufwand das Pferd in Bewegung bringen können.

Wie erlange ich eine respektvolle, aber partnerschaftliche Position mit dem körperlich überlegenen Pferd? Vorrangig erlernen sie, wie sie das Pferd Luna in jeder Situation, wenn sie sich unwohl fühlen oder wir es aus einer Aufgabe heraus brauchten, zum stehen bringen. Wunderlich und völlig neu für die Jugendlichen war es zu erleben, was es „nur“ bedurfte – ausatmen! Zu Beginn der Stunden war es ein laut hörbares ausatmen. Mit mehr Training genügte dann bald ein kleines ausatmen. Darüber waren sie sehr Begeistert und erstaunt, denn auch aus jeder Gangart, wie auch dem Galopp, wenn Luna über den Sand Galoppiert, die Mähne fliegt und das ganze Pferd seine Kraft zum Ausdruck bringt, und jetzt ein kleines ausatmen – und Luna kommt zur Ruhe und hält an.

Es bedarf aber auch Mut, einem solch stolzen Geschöpf zu vertrauen. So sicher das Pferd sein sollte, so sicher soll auch der „Raum“ sein in der eine solche Einheit stattfindet. Leider ist genau für solche sensiblen Stunden der Reitplatz in unserem schönen Sonnenhof genau da kein „geschützter Raum“, da immer wieder Schüler ihre Pausen nutzen möchten, zu den Tieren zu kommen oder selber Aufgaben dort zu erledigen haben. So ist der „sichere Ort“ nicht ganz gegeben.

Jeder Jugendliche hat sein Päckchen mitgebracht, manche waren selten dabei, andere so gut es ging regelmäßig. So vielfältig ihre Herkunftsländer waren, ihre Geschichten, ihre Schicksale – wo ich nur dass wenigste von Erfahren durfte, – so verschieden war auch die Reaktion meines Pferdes auf die unterschiedlichen Jungs. Zuerst erfolgte die sogenannte Bodenarbeit, wo sich Pferd und Mensch aneinander gewöhnen, lernen aufeinander zu hören, mit einem tiergerechten, respektvollen Umgang. Dann geht’s auf den Pferderücken auf den jeder wollte. Der eine ganz forsch und am liebsten Füße in den Pferdebauch klemmen und „Jallah Jallah“ rufend mit dem Pferd davon galoppierend, der nächste der sich an die Griffe des Gurtes auf dem Pferd festkrallt und sich verkrampft, oder wieder ein anderer der sich löst und dem Pferd sofort vertraut, der Freude spürt. Auf alle Jungs reagiert Luna unterschiedlich, und so kann ich eine leise Ahnung erlangen, was alles an „Ballast“ auf ihnen sitzt, und für den Moment, wo sie auf Luna sitzen können, trägt auch sie ihre Last mit. Und manchmal ist dieser sehr Belastend, dass das Pferd am liebsten flüchten möchte, dann haben wir noch etwas mehr Bodenarbeit vor uns.

Hier ist das Pferd ein wunderbares Geschöpf, dass die Last seines Reiters mit trägt. Am Verhalten des Tieres kann ich immer erkennen, wenn es zuviel ist oder es Pause braucht. Dafür muss ich aber mein Partner Pferd „lesen lernen“. Das Pferd verhilft durch getragen werden zu schönen Stunden, in denen die Jugendlichen ihre Vergangenheit leichter ertragen können, darüber reden können, aber vor allem in denen sie sich wohl fühlen können, in denen sie lachen können und sogar über sich heraus wachsen können.

Durch glückliche Stunden können sie an Selbstvertrauen wachsen und es hilft ihnen dabei, negativ Erlebnisse zu verarbeiten. Sie sind nach den Stunden beim Pferd ermüdet und können Abends besser schlafen. Sie erleben angenommen sein, jemanden vertrauen zu können und mit dem Pferd einen Freund gefunden zu haben, der ihr Leid mit erträgt. Wenn das Pferd so in Bewegung ist, wird der Mensch auf dem Rücken mitbewegt, so kommt er leichter und lockerer ins Gespräch, erstarrt nicht, sondern kann sich lösen. Zum Ende soll der Weg gezeigt werden, wieder selbständig das Leben in die Hand zu nehmen, die „Zügel in die Hand nehmen“.

Die Jungs, die immer wieder kamen, konnten sehr schöne Fortschritte erlangen. Es war eine spannende und sehr wichtige, schöne gemeinsame Zeit, dafür bin ich und Luna dankbar.

Charlotte Buzuk